5. April 2009

Fäkal-Fanal

"Du, irgendwie sehen alle Viertklässler ziemlich kaputt aus." 7:25, Mensa der Anstalt St. Spastus für unheilbar renitente Jugendliche, Gespräch zweier Erstklässlerinnen. Die besprochenen Leute sitzen mit krummer Haltung in einer Art Halbschlaf zwei Chirurgiestahltische weiter, verfallen hie und da in Sekundenschlaf, versuchen, die bleischweren Augenlider offenzuhalten und ihre Hirne zu einer letzten Anstrengung für unmittelbar anstehende Prüfungen zu zwingen. Manche machen nichts mehr, weil sie das Thema bereits beherrschen, andere, weil sie es aufgegeben haben, ihre von kompetenteren Leuten kopierten Notizen zu verstehen. Niemand spricht, es herrscht eine Atmosphäre stumpfen und stummen Leidens.
Zwei bis drei Dutzend Maturbücher wollen gelesen werden, Mathelehrkräfte bemerken plötzlich, dass Statistik bisher ungeprüft geblieben ist, die Sportlehrerschaft ist plötzlich doppelt so empfindlich, was Absenzen betrifft – das Ende der Kantonsschulzeit naht, alles ist nervös. Ausser den Schülern. Die sind in erster Linie müde und würden den manischen Terror gewisser Lehrpersonen, die es sich nicht verkneifen können, auch beim hinterletzten Thema zu erwähnen, dass es an der mündlichen Matur geprüft werden könnte, gerne hinter sich lassen.
Die Maturaarbeit ist abgegeben und präsentiert, das selbstgewählte Thema, dessen Bearbeitung noch interessant war, ist abgehandelt und schubladisiert – zurück zum magmatisch zähen Schulalltag, zu Hausaufgaben, die kaum die Hälfte aller Schüler noch macht, zu all den Dingen, die auch noch erledigt werden wollen: Die nicht benotete Märchenparodie im Deutsch, eine Maturazeitung, für die niemand Zeit hat, die Planung Matura-Reise und die zwei Dutzend Maturbücher, Mathestunden, die man pro forma noch absitzt, Sportlektionen, in denen man wegen des Verfolgungswahns gewisser Autoritätspersonen nicht mehr fehlen darf, ausser vielleicht, wenn man sich vor den Augen besagter Leute den Fuss absägt. Anmeldung an einer Uni, Planung der eigenen Ferien, der Versuch, irgendwo noch einen Job für die langen Wochen ersehnter Freiheit zu finden, einfach die paar tausend Dinge, die einem auch noch im Nacken sitzen.
Der glorreiche Abschluss, der schöne Sonnenuntergang, das urgewaltige Fanal, der würdevolle Abschluss nach vier Jahren Engagement verkommt zu einer dumpfen Masse aus hirnloser Knochenarbeit, schleichend verstreichender Lebens- und Lernzeit in einschläfernden Lektionen, für die man irgendwie schon lange zu alt ist und Zittern vor der letzten wirksamen Drohung gebeutelter Lehrer – den Maturaprüfungen. Statt vier Jahre anständig ausklingen zu lassen, treibt man durch die Kanalisation, schlingt Bücher im Schnellverfahren runter, die eigentlich äusserst interessant und gehaltvoll wären, um sich auf mündliche Prüfungen vorzubereiten, deren Zeitplan die Schüler selbst überprüfen müssen, weil es die administrative Kapazität des Bildungsinstituts anscheinend überfordert, Nummern in eine Tabelle einzutippen und diese mit einer Liste abzugleichen. Ja, das Ende hat etwas Heroisches, hat etwas Glorie – der Kampf gegen einen Sturm der Exkremente, eine Flut von Klärschlamm und Schlacke ermöglicht den Schülern, ihre bereits wohlerprobten Kräfte in einem abschliessenden Fäkal-Fanal noch einmal zu beweisen.

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