Ich habe ein Vorurteil gegen Schweizer Filme – schlecht begründet und bröcklig wie alle Vorurteile, aber dennoch berechtigt. Wenn Schweizer Drehbuchautoren und Regisseure sich an Hollywood-Pathos und grossen Gefühlen versuchen, kommt einfach nur die kleine, alpenländische Version davon heraus. Wenn zwei Hinterfultiger sich eeem Sunnäääuntäääärrrgang liidääschaftlechchch kchchüssääd hinterlässt es beim Kinogänger einfach nicht ganz das gleiche Gefühl, wie wenn ein amerikanisches Filmpaar are kissing passionately in the light of a softly glowing Californian sunset. Was hat das mit Music Star zu tun?
Music Star ist der originelle Name einer völlig neuen und qualitativ bahnbrechenden Umsetzung des Konzepts der Castingshow, das man ja bis zur vierten Staffel gar noch nicht richtig kannte und das daher auch bis zur zehnten nicht ausgereizt oder langweilig wirken wird. In Deutschland hat man Dieter Bohlen, dessen primitive verbale Wucht Kandidaten mit der Kraft eines halbwegs passabel enthaarten und solariumgebräunten Gorillas zu Boden schmettert. Hier hat man Gölä/Burn/auf-Englisch-singender-Gölä/doch-wieder-auf-Bärndütsch-singender-Gölä, der findet, dass "die Amis viel schlimmer als Hitler sind/waren" und sich nach dieser intellektuellen Höchstleistung eine typisch schweizerisch aufgemachte mediale Schmierenkomödie gönnte, indem er aus Protest die Sendung verliess, weil seine Favoritin nicht weiterkam. Wie konnte es so einer Historikerkoryphäe denn beim Unterzeichnen des Vertrags nur entgangen sein, dass eine Sendung mit "Freundschaftstickets" und ihm in der Jury kaum der ernsthaften Talentförderung dienen kann?
In Deutschland hat man Transsexuelle, die singen, hier jammert Gölä, dass man ihm sein Morgenbier verboten habe – und die Medien sind ganz aus dem Häuschen, das vermutlich Spannendste an der vierten Staffel melden zu dürfen. Skandale werden hier zu Skandälchen, flache Unterhaltung bleibt aber flache Unterhaltung und wird, auch mit Gölä, nicht plötzlich zur hehren Bildungsmission um endlich den neuen Baschi zu finden, der die Schweizer "Musik"-"Szene" "gehörig" mit "seiner" "frischen", "neuen" "Rockmusik" "aufmischt". Die Sieger verschwinden in der Versenkung, gehen nach Hinterfultigen, um im nächsten Teil der vom Schweizer Fernsehen geplanten Bauernkrimis "Schatzi, was macht die Leiche auf dem Misthaufen?"-Krimiserie zu spielen oder bringen eine Single raus, die niemanden interessiert. Die Jury verdient drei Franken mehr als im Vorjahr, weil sie jetzt alle "gefragte Experten in Sachen Choreographie/Gesang/Unterhaltung/Kommunikation/Quantenphysik" sind. Das Schweizer Fernsehen hatte für einmal 1% statt den üblichen 0.1% Marktanteil, das Publikum konnte wieder mal mit jeder Faser aller Herzen mitfiebern. Man ist also kollektiv glücklich. Wann kommt die fünfte Staffel?
3. April 2009
Musik Stern, die Xte
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