Der Fusspylz ist zurück und gönnt sich eine Schreibpause zwischen Nietzsche, Montaigne, Blake und anderen Matura-relevanten Beschäftigungen. Er macht eigentlich immer noch nicht so gerne Politik – es sei denn, es geht um ein Thema, das ihn sowohl ihn als auch seine momentan recht überspannten Nerven ziemlich direkt betrifft. Die Rede ist, unschwer zu erraten, von der Forderung, die Berücksichtigung der Komplementärmedizin durch die Grundversicherung der Krankenkassen in der Verfassung zu verankern. Alles, was sich für schlau, tolerant und fortschrittlich hält, findet das natürlich grossartig und verbreitet die frohe Botschaft engelsgleich unter armen Heiden. Als advocatus diaboli wurde ich somit zwangsläufig in diverse Wortgefechte verwickelt, in denen es verschiedene Konstanten gab: Es schien sich absolut niemand der Tatsache bewusst zu sein, dass man für unter 20 Franken pro Monat (im Verhältnis zur Gesamtprämie ein lächerlicher Betrag) eine Zusatzversicherung abschliessen kann, welche im Krankheitsfall die Versorgung mit homöopathischen und anderen Placebos garantiert. Was wollen wir, liebe Leser, wetten, dass die Prämie der Grundversicherung ca. 20 Franken steigen wird, wenn diese Abstimmung durchgekommen ist (woran leider kaum zu zweifeln ist)?
Eine weitere in jedem Disput wiederkehrende Grösse war das ungemein selbstgerechte Auftreten der Befürworter: Es sei "arrogant" (Modebeleidigung unseres Jahrzehnts, besser als "überheblich, weil Fremdwort) von Schuldmedizin, die Komplementär"medizin" als nicht ganz gleichwertig oder gar weniger effektiv (!) zu behandeln. Nun, wer glaubt, dass jener Wissenschaftszweig, dem wir unter vielem anderem die Ausrottung der Pest in den zivilisierten Gebieten zu verdanken haben, ohne den wir noch immer mit 40 stürben, der dafür sorgte, dass bei einer Fehlgeburt nicht auch noch gleich die Mutter ihrem Kind zwingend folgen muss und welchem wir eine wirksame Schmerzbekämpfung verdanken, gleichwertig mit Arnika-Kügelchen und Blümchenessenzen sei, möge doch einmal versuchen, sich die Weisheitszähne mit homöopathischer Betäubung entfernen zu lassen – die Arroganz der Schuldmedizin bekommt spätestens dann eine plötzliche Daseinsberechtigung. Es ist natürlich wahr, dass es vor den grossen Errungenschaften der Schulmedizin schon Vorläufer der Komplementärmedizin gab, die damals allerdings die Summe aller Heilkunst darstellten – in der Steinzeit und im Mittelalter machte man gleichermassen Gebrauch von Kräutermedizin, zum Teil mit schamanistischen Anklängen ("Hexerei"). Dass man dabei Wirkstoffe und Praktiken entdeckte, die auch heute noch funktionieren, überrascht niemanden – und dennoch kommt niemand auf die Idee, seinen Kamillentee über die Krankenkasse abbuchen zu wollen. Bachblüten dagegen, ein Fall, wo man sein Hirn schon fast mit dem esoterischen Hammer zu Brei schlagen muss, um derartiges noch als über den Placebo-Effekt hinaus als seriös anzusehen und an die "Schwingungen" und "heilende Energie" der verarbeiteten Substanzen zu glauben, könnten mit der Verfassungsänderung (abhängig von deren Umsetzung, aber man darf unser Parlament bezüglich Skepsis bekanntlich nicht überschätzen) von der Krankenkasse übernommen zu werden.
Zum erwähnten selbstgerechten Gesprächsverhalten gehörte in einem Fall auch ein wahrlich furchteinflössender Relativismus, der in der Aussage anklingt, dass die "westliche Medizin" auch nicht der Weisheit letzter Schluss sei. Das würde a) niemand behaupten und b) reicht ihre Erfolgsgeschichte, wie oben angetönt, als Leistungsausweis vollends aus, der wiederum völlig genügt, um ihr z. B. gegenüber der traditionellen chinesischen Medizin den Vorzug zu geben. Diese stellt natürlich eine Alternative dar, konnte und kann auch ihre Erfolge feiern – aber Lebenserwartung etc. stiegen auch in China erst mit der sogenannt "westlichen Medizin" signifikant. Es gibt zudem so wenig eine "westliche Medizin", wie es eine "jüdische Physik", die mancher Deutsche zwischen 1933 und 45 einem gewissen Albert Einstein zum Vorwurf machte. Es gibt Präparate, die wirken, und solche, die es nicht tun. Dass ein "vielleicht" oder "unter ganz bestimmten Umständen" gegen eine allgemeine Verpflichtung zum Mittragen der Komplementärmedizin über die Krankenkassenprämien spricht, sollte eigentlich so klar sein wie ein Bach-Wässerchen.
Nun kommt das vermutlich lahmste, aber nichtsdestoweniger am stärksten verbreitete "Argument" "gegen" die "westliche Medizin", nämlich die Tatsache, dass ihr Fehler unterlaufen und auch Ärzte sich irren können. Gratulation, mein alternativ und individuell eingestellter Gesprächspartner, du hast erkannt, dass Menschen Fehler machen! Dass diese Fehler bei starken Präparaten oder chirurgischen Eingriffen schlimmere Auswirkungen haben können, als wenn man sich im homöopathischen Chügeli vergreift, ist klar – weil im ersten Fall nämlich nicht auf "feinstofflicher", "energetischer" oder gar "seelischer" Ebene gearbeitet wird, sondern die Krankheit ganz konkret da bekämpft wird, wo sie sich zeigt, nämlich, oh, mir entweicht ein überraschtes Keuchen, am Körper! Grosse Wirkung; grosser Schaden, wenn falsch angewandt – dass das mit dem Schaden für eigentlich alle komplementärmedizinischen Methoden, die mir bekannt sind, nicht gilt, sagt im Umkehrschluss auch etwas aus. Für die Fehler und Vergehen einzelner die gesamte Zunft verantwortlich zu machen, entspricht haargenau dem Vorgehen rechtspopulistischer Parteien, die alle Vorteile z. B. der Einwanderung ignorieren. Die alternativen und ganz, ganz originellen Befürworter sehen halt lieber denjenigen, der vom Schmerzmittel ein Magengeschwür bekommt, als die zehntausend anderen, denen es einigermassen normales Arbeiten und Leben ermöglicht.
Das lahmste Argument haben wir hinter uns, nun kommt etwas so lächerliches, dass es nicht einmal mehr als Argument durchgeht: Der Vorwurf der Wissenschaftsgläubigkeit. Im kleinbürgerlichen Bildungsmilieu, wo jeder "ein wenig" glaubt und seine eigene "spirituelle" Ader ein wenig pflegt, gehören drei Dinge zum guten Ton: Man ist gegen den Irak-Krieg (mit oder ohne Peace-Fahne), ernährungsbewusst und skeptisch gegenüber dem Establishment. Das medizinische Establishment ist, verdientermassen, die aktuelle Schulmedizin, die sich wohl ins Koma lachen würde, wenn sie wissen könnte, dass Leute, die an Bachs "gestörtes seelisches Gleichgewicht" glauben oder gar der Doktrin der älteren Landeskirche sehr genau folgen (beides ist mir schon begegnet), an ihr herumzukritteln versuchen. Diese Pseudo-Rebellion gegen schwerlich angreifbare und künstlich dazu hochstilisierte Feindbilder paart sich mit einer latenten Intellektuellenfeindlichkeit gewisser Kreise und äussert sich, wie wir gesehen haben, spätestens, sobald jemand von sich sagt, dass er in ausgebildete Mediziner mehr Vertrauen habe, als er den homöopathischen Medizinmännern und esoterischen Dschungeldoktoren entgegenbringe. Um das Ganze gleich noch ein wenig persönlicher zu gestalten, bliebe noch zu erwähnen, dass es für jemanden, der sich philosophisch als Schopenhauerianer sieht, doch sehr seltsam ist, als "wissenschaftsgläubig" betitelt zu werden. Geradezu beängstigende Züge nimmt dieser unüberlegte Vorwurf aber dann an, wenn er in einem Atemzug mit versöhnlichen Worten ausgesprochen wird: "Warum muss man eigentlich Schul- und Komplementärmedizin gegeneinander ausspielen?" Das tat ja bisher niemand. Alle, denen ihre Wässerchen, Essenzen und Nadeln am Herz lagen, hatten bisher den Anstand, knappe 20 Franken zu löhnen und ihre Doktrin des grossen "Manchmal" für sich zu behalten, statt sie mit missionarischem Eifer allen anderen aufzwingen zu wollen und die Solidarität so weit zu strapazieren, dass alle für ihre exzentrischen Bedürfnisse blechen sollen. Wenn aber Leute wie ich aufgefordert werden, mit ihrer Grundversicherungsprämie Hokuspokus und die Heilung eingebildeter seelischer Gleichgewichtsstörungen mitzutragen, so provozieren die Befürworter einer solchen Vorlage Ablehnung – ein friedlich-fröhlich-blumiges Miteinander gab es bisher, es kostete 20 Stutz und wurde nicht von Seiten der arroganten Schulmedizin aufgegeben.
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