30. Mai 2009

Linguistische Betrachtungen

Ich habe festgestellt (oder eher: feststellen müssen), dass die inflationäre Verwendung englischer oder auch nur vermeintlich englischer Ausdrücke zweierlei Herde, zwei Brutstätten hat: Zum Einen ist die Sprache der Wirtschaft ("des Erfolgs" – man verzeihe mir den Zynismus) mit Anglizismen gespickt, zum anderen wimmeln die halb gelernten und falsch ausgesprochenen Vokabeln auch im Alltagswortschatz. Das wirkte, im erstgenannten Fall, modern und, wie schon mit schiefem Grinsen angedeutet, roch ein wenig nach dem Erfolg anglo-amerikanischer Unternehmungen, an dem, dank der Flexibilität und Durchlässigkeit der Sprache, auch Heiri Müller aus dem hinteren Emmental als "CEO" eines Milchverarbeitungskleinbetriebs (einer lausigen Chäsi eigentlich) teilhaben konnte und, je nach Empfänglichkeit für Selbstbetrug, immer noch kann. Der Schulhausabwart ist nicht mehr nur Abwart, sondern facility manager. Aber weder er noch Heiri wissen, was ein CEO eigentlich ist und tut (bzw. eben nicht tun sollte – aber das weiss nicht nur Heiri nicht) oder was für facilities es sind, die zu managen wären.

Der erfolgreiche (haha), moderne und dynamische Wirtschaftsmensch lernt Englisch kaum, weil er die Sprache mag oder sich für die Kultur dahinter interessiert. Genau wie Deutsch ist sie ihm blosses Mittel zum "Kommunzieren" (im einseitigen Sinn auch so ein Unwort) verschiedener Sachverhalte. Dementsprechend gestaltet sich sein Sprachgebrauch. Er kann zwar "just" und "laugh" ("dschöst" und "loof" denk!) nicht aussprechen, fühlt sich aber durchaus befähigt, z. B. eventuelle Boni (aus aktuellem Anlass) mit einem Deutsch zu rechtfertigen, das sich irgendwo im dumpfen Nirgendwo zwischen einem besonders hoffnungslosen Deutsch-Anfänger an einer Sonderschule für extreme Sprach-Härtefälle und einem Englisch-Versager, dessen Aussprache auf Songtexten Schweizer Bands basiert, deren "Liedtexte" auf "Englisch" "geschrieben" sind, bewegt – wenn überhaupt.

Über die Pop-Kultur und dem anglo-amerikanischen Primat auf diesem Gebiet schlichen sich gewisse Ausdrücke natürlich auch in die Alltagssprache ein. Das hat seine Berechtigung. Wer jedoch mit diesen (und zum Teil selbst erfundenen) Anglizismen auf Teufel komm raus um sich wirft, legt sich ein "Image" (ha, ich kann das auch!) zu. In manchen Augen sieht dieses zwar modern, jugendlich, originell aus, legt bei anderen jedoch den Schluss nahe, dass die betreffende Person weder gut Deutsch noch wirklich Englisch spricht und dass keines von beidem Zweck ist, sondern, wie oben schon kritisiert, immer Mittel bleibt, in diesem Fall nicht zum "Kommunizieren" von "wichtigen Informationen", sondern der Pflege des ungeschickt gewobenen Blendwerks um die eigene Person und zum jämmerlich durchschaubaren Überschminken des eigenen sprachlichen Unvermögens dient.

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